Verbundprojekt des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, des Instituts für Europäische Kulturgeschichte Augsburg und der Staatsgalerie Stuttgart
Warum scheiterten die in der Regel dynastischen Regierungen Europas in der Frühen Neuzeit, trotz intensiver Bemühungen, an der Aufgabe, langfristig Frieden herzustellen? Die Grundthese des Verbundprojektes lautet: Frieden in Europa konnte im Zeitraum zwischen 1450–1789 unter anderem deshalb nicht nachhaltig gewonnen und gesichert werden, weil es auch ein Translationsdefizit gab und kulturelle sowie kommunikative Differenzen bestanden, die nicht erfolgreich überbrückt werden konnten. Ziel des Vorhabens ist es deshalb, dieses Phänomen von intensiven und kostspieligen Friedensbemühungen bei gleichzeitigen kostenintensiven Kriegshandlungen aus europahistorischer, völkerrechtlicher, kunst- sowie kulturwissenschaftlicher Perspektive näher zu untersuchen.
Projektleitung: PD Dr. Hans-Martin Kaulbach
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Cornelia Manegold
Übersetzungsleistungen der Kunst: Bilder von Frieden und Friedensverträgen
Das Stuttgarter Teilprojekt untersucht die aktive Rolle von Bildern in der frühneuzeitlichen Diplomatie, Friedenspublizistik und politischen Repräsentation. Leitend sind dabei die Fragen: Wie wird Frieden grenzüberschreitend und sprachübergreifend visualisiert? Welche bildlichen Medien sind fester Bestandteil diplomatischer Praxis?
Jonas Suyderhoef (um 1613– vor 1686) nach Gerard ter Borch (1617–1681)
»Die Beeidigung der Ratifikation des Spanisch-Niederländischen Friedensvertrages am 15. Mai 1648 im Rathaussaal zu Münster«, 1648, Kupferstich,
Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Inv.Nr. A 1996/6710 (KK)
Coenrad Waumans (1619– nach 1681) nach Anselmus van Hulle (1601–nach 1674) »Johann Konrad Varnbüler von und zu Hemmingen, württembergischer Gesandter und Geheimer Rat«, 1649, Kupferstich,
Staatsgalerie Stuttgart,
Graphische Sammlung,
Inv.Nr. A 31158
Bartolomeo Coriolano (um 1599–1676?) nach Guido Reni (1575–1642) »Allegorie auf die Allianz von Pax und Abundantia«, 1642, Clair-obscur-Holzschnitt,
Staatsgalerie Stuttgart,
Graphische Sammlung,
Inv.Nr. An 10975
Künstler, die wie Peter Paul Rubens (1577–1642) ihre Kompetenzen als Diplomat mit künstlerischer Arbeit kombinieren, genießen Achtung als bedeutende Friedensvermittler. Maler wie Anselmus van Hulle (1661– nach 1674), Gerard ter Borch (1617–1681) oder Joachim von Sandrart (1606–1688) werden auf Friedenskonferenzen mit Diplomatenbildnissen beauftragt, die in Porträtstichen weite Verbreitung erreichen. Seit dem Westfälischen Frieden 1648 erscheinen in großer Zahl Flugblätter, die Frieden einerseits im Bildbericht dokumentieren, andererseits als Allegorie deuten und überhöhen. Die Druckgraphik erweist sich als überaus wichtiges Medium, das die öffentliche Wahrnehmung von zwischenstaatlichen Friedensschlüssen steuert, indem es diplomatische Akte nicht nur reproduziert, sondern auch inszeniert. Friedensallegorien in Malerei, Skulptur, Münzen und Medaillen treten hinzu. Rezeptionsgeschichtliche Forschungen untersuchten die Fragen der Bildlichkeit für einzelne bedeutende Friedenskongresse zumeist anlässlich von Jubiläumsausstellungen. Eine systematische Gesamtdarstellung der Bildkultur des Friedens steht derzeit noch aus.
Der Fokus des Stuttgarter Teilprojektes ist auf die medialen Vervielfältigungen von Friedensbildern und deren Übertragungen in einen neuen Kontext gerichtet. Es geht also um den Weg, den ein Bild – eine Personifikation wie Pax, symbolische Gesten wie »Friedenskuss« oder »Schwören«, Handlungsmotive wie »Schwerter zu Pflugscharen«, Symbole wie Ölzweig oder Caduceus – zurücklegt, welche Transformation es erfährt und welcher Bedeutungswandel dabei festzustellen ist. Im Ergebnis werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Aufbau der Bilder, bei der Auswahl des Mediums und in der Methodik der Darstellung erforscht. Im Rahmen des BMBF-Förderprogramms »Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften« soll dabei aufgezeigt werden, wie Künstler als Übersetzer fungieren und Bilder die Reichweite des Kommunikationsprozesses ausdehnen.
Ein von Hans-Martin Kaulbach angelegtes, sammlungsübergreifendes Bildarchiv erweitert die Bestände der Staatsgalerie Stuttgart. Zielsetzung des Stuttgarter Teilprojektes ist es, Friedensbilder für die vergleichende Analyse verfügbar zu machen. Als Ergebnis wird nicht nur eine Ausarbeitung in Form einer Publikation vorliegen, sondern gleichzeitig werden wertvolle Instrumente für weiterführende Recherchen zur Verfügung stehen.
Die Staatsgalerie Stuttgart wird ein breites Spektrum von Friedensbildern als recherchierbare Seiten in ihrem Digitalen Katalog bereitstellen. Werke aus dem reichen Sammlungsbestand sind über »Einfache Suche« und unter Angabe des Stichwortes »pax« medial präsent. Mit dieser Aufbereitung der eigenen Bestände wird der Nukleus eines digitalen Corpus Friedensbilder geschaffen.
Zum Abschluss der Forschungen ist eine Kabinettausstellung geplant, die mit repräsentativen Werken aus dem Bestand der Stuttgarter Graphischen Sammlung das Thema Frieden und Friedensdiplomatie für die breite Öffentlichkeit sichtbar machen soll.
PD Dr. Hans-Martin Kaulbach
Tel.: +49 (0)711/470 40 303
m.kaulbach@staatsgalerie.de
Dr. Cornelia Manegold
Tel.: +49(0)711/470 40 309
E-Mail: c.manegold@staatsgalerie.de
Staatsgalerie Stuttgart
Postfach 10 43 42
D – 70038 Stuttgart
Zum Verbundprojekt ist ein Flyer erschienen, den Sie hier im PDF-Format herunterladen können: Flyer Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien_BMBF.pdf
Das BMBF-geförderte Verbundprojekt »Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprozess. Europa 1450–1789« hat eine gemeinsame Website konzipiert.
»Tag der Forschung«, 04.07.2010
Zum »Tag der Forschung«, einer gemeinsamen Initiative vom Leipziger Kreis der Direktoren bedeutender deutscher Kunstmuseen, stellt die Staatsgalerie Stuttgart das Forschungsprojekt »Übersetzungsleistungen der Kunst: Bilder von Frieden und Friedensverträgen« vor. Die Veranstaltungen geben Einblick in das Forschungsprojekt, um den Diskurs mit einer größeren Öffentlichkeit anzuregen.
»Politik in Bildern: Der vormoderne Friedensprozess in Europa«
Dr. Cornelia Manegold
Vortrag, 12–13 Uhr, Vortragssaal Neue Staatsgalerie
»Beobachtungen zu Darstellungen des Friedens in der Graphik«
Dr. Cornelia Manegold, PD Dr. Hans-Martin Kaulbach
Background-Führung, 14.30–15.30 Uhr, Studiensaal der Graphischen Sammlung
Interview – Südwestrundfunk, 14.05.2010
»Friedensprozesse« – Die Staatsgalerie Stuttgart forscht mit Historikern des Instituts für Europäische Geschichte Mainz und des Instituts für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg über Darstellungen des Friedens
PD Dr. Hans-Martin Kaulbach und Dr. Cornelia Manegold
im Interview mit Dr. Susanne Kaufmann SWR 2
SWR 2 Journal am Abend
14.05.2010, 18:40 Uhr
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